50 Jahre Kunstuniversität Graz. Vergangenheit und Gegenwart im Universitätsarchiv

Aus Anlass des 50jährigen Bestehens der Kunstuniversität Graz lud das Universitätsarchiv  am 6. und 7. Juni 2013 zu einem Rundgang durch die Räumlichkeiten ein. Anhand ausgewählter Archivalien wurden  Einblicke in Vorbereitung und Ablauf der offiziellen Erhebungsfeierlichkeiten am 6. und 7. Juni 1963 sowie  Informationen zum aktuellen Leistungsangebot des Universitätsarchivs geboten. Wir freuen uns, Ihnen diesen Rundgang nun online präsentieren zu können.

Gründungsurkunde und "Vorgeschichte". Von der Singschule des Musikvereins zur Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz

 

 

 

Über die Gründung der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz gibt das Bundesgesetzblatt vom 17. Juli 1962 Auskunft.  Es enthält die Kunstakademiegesetz-Novelle, die am 5. Juli 1962 vom Nationalrat beschlossen wurde und mit 1. Juni 1963 in Kraft trat. Das Gesetzblatt kann daher als „Gründungsurkunde“ der Akademie bezeichnet werden.

 

 

 

 

 

 

 

Die relevante Änderung bestand darin, dass in den jeweiligen Paragraphen zu den damals bestehenden drei staatlichen Kunstakademien – der Akademie für Musik und darstellende Kunst in  Wien, der Akademie für Musik und darstellende Kunst „Mozarteum“ in Salzburg und der Akademie für angewandte Kunst in Wien – die Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz (bisher „Steiermärkisches Landeskonservatorium in Graz“) hinzugefügt wurde.

 

 

 

 

Durch weitere Gesetzesänderungen wurde die Akademie 1970 zur Hochschule und 1998 schließlich zur Universität für Musik und darstellende Kunst Graz.

Der erste Studienführer der Akademie von 1964, sowie die Studienführer aus den Jahren 1970 und 1998 spiegeln diese unterschiedlichen universitätsgeschichtlichen Etappen wider wie auch den wachsenden Umfang des Studienangebots.

Ist die seit 50 Jahren bestehende Kunstuniversität Graz auch eine vergleichsweise junge Institution, geht ihre Vorgeschichte doch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, nämlich ins Jahr 1816, das Gründungsjahr der Schule des Steiermärkischen Musikvereins. Im Archiv befinden sich nur vereinzelt Unterlagen aus dieser Zeit, wie etwa Berichte der Musikvereinsdirektion. Der älteste im Original vorhandene Bericht stammt aus dem Jahre 1891.

 

Die Schule bestand bis 1939, als sie vom nationalsozialistischen Regime vom Musikverein abgetrennt und in die Landesverwaltung übernommen wurde. Nun als „Landesmusikschule“ bezeichnet, diente sie jedoch nach wie vor der Ausbildung von Berufsmusikerinnen und -musikern. Parallel dazu wurde 1939 die Staatliche Hochschule für Musikerziehung in Eggenberg gegründet, an der Musikpädagogen ausgebildet wurden. Von dieser Institution, die 1945 geschlossen wurde, ist nahezu nichts erhalten. Als einzige Archivalie befindet sich das Matrikenbuch im Archiv der Kunstuniversität. Darin wurden alle Studierenden handschriftlich eingetragen.

Erhebungsfeierlichkeiten 6. und 7. Juni 1963. Dokumente zu Vorbereitung und Ablauf

Die Akten des Akademiebestandes vermitteln einen Einblick in die Vorbereitung der Feierlichkeiten. Die in Durchschrift vorhandene Einladungsliste und für deren Erstellung verwendete Adressenlisten geben darüber Auskunft, wie sich die Institution akademisch und fachlich zu vernetzen suchte.

Besonders von Interesse ist eine Adressenliste, die den Hinweis auf ein weiteres für die Erhebung zur Akademie wichtiges Datum enthält: den Festakt anlässlich der Unterzeichnung des  sogenannten „Akademie-Vertrages“. Das Zustandekommen dieses Vertrags stellte die Voraussetzung für die Verbundlichung dar, regelte er doch wichtige Fragen der Finanzierung  und Nutzung von Räumlichkeiten und die Übernahme von vormals Landesbediensteten in den Bundesdienst. Die Unterzeichnung fand am 6. Mai 1963 um 16 Uhr in der Grazer Burg statt. 

Das Festplakat und die den Einladungen beiliegenden Programmübersicht geben Auskunft über den Ablauf der Feierlichkeiten, Programmfolge sowie Ausführende.

 

 

 

Der Musikpädagoge, Komponist und Dirigent Günther Eisel (1901-1975) leitete das Akademie-Orchester beim Festkonzert am 6. Juni, verstärkt vom Grazer Philharmonischen Orchester. Eisel war nach seinen Studien (Violine, Orgel, Theorie und Komposition) am Konservatorium (1919-1926)  von 1935-1938 Präsident des Steirischen Tonkünstlerbundes. Von den Nationalsozialisten (1938-1945) mit Berufsverbot belegt, war er 1945-1952 der erste Direktor des wiedereröffneten Konservatoriums, 1952-1963 stellvertretender Landesmusikdirektor. 1963-1973 lehrte er an der Akademie bzw. Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz.

 

Eine weitere prägende Persönlichkeit war der Geiger Walter Klasinc, der seit 1949 am Landeskonservatorium unterrichtete. Gemeinsam mit seiner Frau, der Gitarristin Marga Bäuml (1916-2004), führten ihn Konzertreisen durch ganz Europa. Seit 1963 war er außerordentlicher Professor an der Akademie, wo er das Akademie-Kammerorchester gründete und leitete. Ab 1973 unterrichtete er als ordentlicher Hochschulprofessor Violine, Viola und Kammermusik. Walter Klasinc war es, der im Studienjahr 1979/80 erstmals Kammermusik als eigene Lehrveranstaltung abhielt.

Welch hoher Stellenwert neben der Kammermusik der zeitgenössischen Musik bereits an der Akademie zukam, zeigt das Porgramm der Matinee am 7. Juni. Es ist ausschließlich im 20. Jahrhundert wirkenden Komponisten gewidmet.

Einen Eindruck von der internationalen Vernetzung der Akademie vermitteln die zahlreichen Glückwunschschreiben, die zumeist in Form von Telegrammen  Anfang Juni eintrafen. Unter den Gratulanten sind unter anderem die Musikhochschule München, die Folkwanghochschule Essen und Persönlichkeiten wie die Komponisten Carl Orff und Hans Erich Apostel zu finden.

Anlässlich der Erhebung des Steiermärkischen Landeskonservatoriums zur Akademie widmete die ÖMZ der Akademie 1963 eine Sondernummer. Darin wurde unter anderem die Festrede des Präsidenten Erich Marckhl abgedruckt.

In den Akten ist das Typoskript der Festrede zu finden. Der Text unterschied sich von der Druckfassung nicht unbeträchtlich.

Die Akten des Akademiebestandes geben auch Auskunft über die konzeptuelle Vorbereitung und die langjährigen diplomatischen Bemühungen, die der Erhebung vorausgingen. So beantragte der Landesmusikdirektor Erich Marckhl bereits im Herbst 1960, das Land Steiermark möge beim Bund bezüglich der Erhebung des Konservatoriums zu einer Akademie vorstellig werden.

Dieser Antrag ist auch deshalb von Interesse, weil er bereits einen Organisationsplan der Akademie  enthält und die Entwicklung der Abteilungsgliederung in den Anfangsjahren dokumentiert. In der Erstfassung dieses Antrages ist beispielsweise die Abteilung für Kirchenmusik noch nicht enthalten. Das geplante Institut  für Tanz und Rhythmik wurde nie realisiert.

Der Antrag wurde an diverse Personen in Durchschrift zur Information und mit der Bitte um Unterstützung versandt, beispielsweise an Sektionsrat Thalhammer im Bundesministerium für Unterricht.

Der Festakt in Ton und Bild. Dokumente aus der audiovisuellen Sammlung

Der Teilnachlass des Präsidenten der Akademie Erich Marckhl enthält neben Korrespondenz, Werken und Schriften auch ein Fotoalbum mit zahlreichen schwarz-weiss-Fotos, die unter anderem einen Eindruck vom Festakt vermitteln.

Beim Festakt erklang unter anderem das „Konzert für Streichorchester“ von Günther Eisel. Ist auch keine live Aufnahme dieses Konzerts erhalten, existiert doch eine spätere Einspielung mit dem Akademie-Kammerorchester. Die LP wurde digitalisiert und ist als mp3 File Bestand der audiovisuellen Dokumentation des Universitätsarchivs.

Eine Aufführung desselben Werkes im KUG-Abo 2013 ist ebenso in der Sammlung vorhanden.

Personen- und Zeitungsdokumentation

Die Ergänzungsdokumentation, wie wir die Zeitungs- und Personendokumentation mit einem archivarischen Fachausdruck bezeichnen, komplettiert den Bestand des Archivs. Diese Dokumentation beleuchtet neben dem Wirken von Lehrenden, Studierenden  und AbsolventInnen der KUG auch alle mit der Universität in Verbindung stehenden Veranstaltungen. Ohne diese Sammlung, welche bis zur Zeit der Umwandlung des Steiermärkischen Landeskonservatoriums in die Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz zurückreicht, wäre eine lückenlose Darstellung der Geschichte der KUG nicht möglich.

Bereits im ersten Jahr ihres Bestehens wurden an der Akademie drei Veranstaltungen auf internationaler Ebene abgehalten.

Die Internationale Woche für Chormusik vom 21. bis 29. September 1963, für deren Organisation der damalige Vorstand der Abteilung für Chorwesen an der Akademie Karl Ernst Hoffmann verantwortlich zeichnete, war die erste repräsentative Veranstaltung. In Zusammenarbeit mit der Steiermärkischen Landesregierung und der „Féderation européene des Jeunes chorales“ wurde der Versuch unternommen, auf dem Gebiet der zeitgemäßen Chorpraxis von Graz aus Kontakte nach Westen, Süden und Osten herzustellen und so einen gegenseitigen Austausch anzuregen. In der Österreichischen Musikzeitschrift vom April 1963 äußerte sich Hoffmann über die bevorstehende Veranstaltung wie folgt: „Gerade im Bereich der Chormusik und des Chorwesens ist neben dem Was das Wie eine Art Lebensfrage geworden. Und es ist sicher einer der wesentlichen Aufgaben der Musikakademie in Graz, die vorhandenen Traditionen mit den Entwicklungen der Umwelt auch auf diesem Sektor zu konfrontieren und vorausblickend jene Institutionen zu schaffen, die das so entstehende Leben sachgemäß behüten, leiten und kultivieren. Die internationale Chorwoche 1963 in Graz will zunächst Chor- und Singleiter, Musikerzieher und Musikstudierende ansprechen, steht aber auch allen übrigen Freunden des Singens und der Chormusik offen.“

 

„Das war ein klingendes Bekenntnis zum Ethos im Schaffen und Musizieren, zugleich zu jenem strengen Dienst am Werk.
Zitat aus der Eröffnungsrede von Erich Marckhl anlässlich der „Internationalen Woche der Chormusik“ in Graz

 

Die Internationale Kirchenmusikwoche, welche  vom 3. bis 7. März 1964 von der Abteilung für Kirchenmusik der Grazer Akademie für Musik und darstellende Kunst durchgeführt wurde, stand unter dem Motto „Die Kirchenmusik und das 2. Vatikanische Konzil“. Das Interesse an der Veranstaltung war enorm: führende Kirchenmusiker aus der ganzen Welt und Vertreter der Kirche trafen sich in Graz, um über die Möglichkeiten einer Modernisierung  des Liturgieschemas, welches seit 1570 unverändert blieb, nachzudenken. „Die Musik soll nicht mehr schmückendes Beiwerk, sondern Element des Gottesdienstes sein“, so Philipp Harnoncourt, der damalige Leiter Abteilung für Kirchenmusik an der Akademie in der „Südost-Tagespost“ vom 14. Februar 1964.

Bei der gemeinsam mit der Südosteuropa-Gesellschaft München und dem Institut für Slawistik an der Karl-Franzens-Universität veranstalteten Tagung zum Thema Die Volksmusik des Ostens und des Südostens vom 6. bis 9. Mai 1964, trafen sich renommierte Wissenschaftler in Graz. Organisiert wurde diese Veranstaltung von Walther Wünsch und Friedrich Körner.

                                                        Südost-Tagespost, 15. April 1964              Südost-Tagespost, 21. April 1964

Am 23. November 1963 überreichte Erich Marckhl den ersten Ehrenmitgliedern der Akademie ihre Ernennungsdekrete. In einem Festakt im Saal der Akademie in der Nikolaigasse wurden der Landeshauptmann der Steiermark Josef Krainer, Henri Gagnebin, Joseph Marx und Johann Nepomuk David geehrt. Am 10. Juni 1964 fand die konstituierende Generalversammlung der Gesellschaft der Freunde der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz statt. Landeshauptmann Stellvertreter a. D. Tobias Udier wurde zu deren ersten Präsidenten ernannt. Zu den Aufgaben des unabhängigen und unpolitischen Vereins zählen die moralische und sachliche Förderung des weiteren Ausbaues der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz, die materielle Hilfe, wo andere Mittel nicht zur Verfügung stehen, die Förderung der Studierenden sowie die Beschaffung von Instrumenten, Büchern, Tonbändern und Schallplatten. Zu Beginn zählte der Verein, der heuer sein fünfzigjähriges Bestehen feiert, rund 100 Mitglieder.

Kleine Zeitung, 24. November 1963, Neue Zeit, 24. November 1963, Südost-Tagespost, 24. November 1963, Südost-Tagespost, 10. März 1964, Kleine Zeitung, 11. April 1964 und Südost-Tagespost, 11. April 1964 (v. l. n. r.)

Das Studio für Probleme zeitlich naher Musik, eine der ersten Initiativen Erich Marckhls, war, wie er in seinem 1972 erschienen Buch „Werden und Leistung der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz“ meint […] gedacht als eine Stätte der Konfrontation mit jenen schöpferischen Kräften der Musik, die bisher in der romantisch-patriarchalisch abgeschlossenen Atmosphäre des Steirischen Provinzialismus keinen Wirkungsraum gefunden hatten.“ Die Einrichtung wurde von Harald Kaufmann, dem späteren Leiter des Institutes für Wertungsforschung an der Akademie durchaus begrüßt: bestand auf diesem Gebiet doch ein dringender Nachholbedarf. 

Auch die Leistungen der Studierenden der Akademie wurden in der Presse immer wieder mit guten Kritiken gewürdigt. In dem von Peter Baumgartner geleiteten und von Ernst Therwal inszenierten Telemann-Intermezzo „Pimpinone“ brillierten bei der Aufführung im Grazer Schauspielhaus im Juli 1964 die junge Sängerin Edith Gruber und der Bariton Egmar Kollik. Der damals noch unbekannte Grazer Schauspieler Wolfram Berger überzeugte als „urwüchsiger“ Just in Lessings „Minna von Barnhelm“ und mit der Aufführung von Georg Friedrich Händels „Alexanderfest“ hat Karl Ernst Hoffmann den Chor der Akademie erfolgreich vorgestellt.

              Neue Zeit, 12. Juli 1964                                    Neue Zeit, 6. Juni 1964                              Kleine Zeitung, 3. Juni 1964

Am Ende des ersten Studienjahres berichtete Präsident Erich Marckhl in einer Pressekonferenz über die geleistete Arbeit der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz. Auch Probleme, wie die ungelösten räumlichen und  organisatorischen Fragen, blieben nicht unerwähnt.