Nachlasssammlung

Die Nachlasssammlung des Universitätsarchivs enthält Vor- und Nachlässe von Angehörigen der Kunstuniversität und mit der Kunstuniversität verbundenen Persönlichkeiten, darunter  beispielsweise der von der 1970-1989 am Hause lehrenden Kammersängerin Ira Malaniuk oder der des Akademiepräsidenten Erich Marckhl. Im Folgenden stellen wir den Nachlass des Gitarristen und Pädagogen Leo Witoszynskyj vor. Der Bestand wurde im Rahmen eines Projektes im Archivinformationssystem erfasst und ist auch online auf Findbuch.net recherchierbar.

Der Nachlass Leo Witoszynskyj

Der Nachlass des am 1. Oktober 2008 plötzlich verstorbenen ordentlichen Universitätsprofessors für Gitarre an der KUG Leo Witoszynskyj befindet sich seit dem Frühjahr 2009 im KUG-Archiv. Der von 1964 bis 2008 an der Kunstuniversität Graz unterrichtende Gitarrist engagierte sich als Pädagoge, Wissenschaftler und Künstler. Zahlreiche Plakate, Programme, Zeitungskritiken sowie Tonträger zeugen von seiner regen Konzerttätigkeit als Solist und als Kammermusiker, die den Künstler durch die ganze Welt führte. Unterlagen von bedeutenden Wettbewerben, zu denen er als Juror hinzugezogen wurde, wissenschaftliche Beiträge, pädagogische und didaktische Unterlagen, Bücher sowie eine große Menge an Notenmaterial komplementieren den Nachlass. Ausgewählte Dokumente sollen einen Einblick in den Bestand geben.

Das Buch „In Dur und Moll“ ist Teil der Bibliothek des Verstorbenen. Es ist im Jahr 1944 im Zinnen-Verlag zu München erschienen und enthält zahlreiche Anekdoten über deutsche Komponisten, welche von Wilhelm Donnhofer gesammelt und herausgegeben wurden. Die Illustrationen stammen aus der Feder von Nils Graf Stenbock. 

In „Strauß [sic] gegen Strauß [sic]“ erleben wir den Komponisten Richard Strauss als Begleiter seiner Lieder am Klavier. Komponist und KUG-Ehrenmitglied Josef [sic] Marx soll in der Anekdote „Der vertrackte Takt“ die Uraufführung seiner neuen Symphonie selbst dirigieren.

Beim Durchblättern des Buches „Segovia - an autography of the years 1893-1920“, welches ebenfalls aus der Bibliothek Witoszynskyjs stammt, fand sich zwischen den Seiten folgendes Foto:

Die Aufnahme stammt von der Verleihung des „Ernst von Siemens Musikpreises“ an Andrés Segovia in der Bayrischen Akademie der schönen Künste in München am 7. Mai 1985. Die Ernst von Siemens Musikstiftung, mit Sitz im schweizerischen Zug, wurde 1972 von dem Industriellen Ernst von Siemens ins Leben gerufen. Der Preis wird jährlich an eine Person des zeitgenössischen Musiklebens verliehen, die als Musikwissenschaftler, Komponist oder Interpret besondere Leistungen erbracht hat.

Bei dieser Gelegenheit wurde Segovia auch die Ehrenmitgliedschaft der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz verliehen. Witoszynskyj hatte sich sehr dafür eingesetzt, dass dem spanischen Gitarristen diese Auszeichnung zugesprochen wurde.

Über die Beziehung Leo Witoszynskyjs zu Andrés Segovia schreibt Andreas Fürstner in seiner, in den Jahren 2010/2011 im Archiv ausgearbeiteten und in der Bibliothek des Archivs verfügbaren, Diplomarbeit „Leo Witoszynskyj. Ein Leben für die Musik“ folgendes: „Zwischen Leo Witoszynskyj und Andrés Segovia scheint eine tiefe Verbundenheit bestanden zu haben, bezeichnet doch Witoszynskyj Segovia als seinen geistigen Vater. Segovia dagegen bestätigt Witoszynskyj brieflich, dass er ihn als seinen Schüler anerkennt – eine Ehre, welche nicht allzu vielen zuteil wurde.“ In Witoszynskyjs Laudatio für Andrés Segovia anlässlich der Verleihung des Ernst von Siemens Musikpreises, lässt der Text Fürstner zufolge „keinen Zweifel an der Ergebenheit und Verehrung des Schülers gegenüber dem Lehrer.“

Zahlreiche Programme, Kritiken, Plakate und Tonträger dokumentieren Witoszynskyjs rege Konzerttätigkeit, die nach Abschluss des Studiums bei Luise Walker an der Wiener Musikakademie im Jahr 1964 begann. Seine Auftritte führten ihn in die bedeutendsten europäischen Konzertsäle (am 22. Jänner 1970 bestritt er sein erstes Konzert in der Wigmore Hall in London) sowie nach Asien, Südamerika und in die USA. Auch seine zahlreichen Teilnahmen an internationalen Festivals und Wettbewerben sowie Mitschnitte von Vorspielstunden seiner Schüler sind auf Musikkassetten verewigt. Diese werden digitalisiert und damit auf Dauer für die Nachwelt und weiter Forschungen erhalten. Auf vielen Tonträgern finden sich Werke zeitgenössischer Komponisten, die bei seinen Rezitals, Kammermusikabenden und Konzerten mit Orchester aufgeführt wurden. Zu den Künstlern, mit denen er (häufig) im Duo auftrat, zählen unter anderen der Flötist Gottfried Hechtl, der Gitarrist Timothy Walker und die Sängerin Ira Malaniuk, deren Nachlass sich ebenfalls im KUG-Archiv befindet. „Eine sowohl musikalisch als auch persönlich wichtige Erfahrung dürfte die Zusammenarbeit mit der ukrainischen Altistin Ira Malaniuk gewesen sein“, so Andreas Fürstner in seiner Diplomarbeit über Leo Witoszynskyj. Malaniuk studierte in Lemberg, flüchtete nach Kriegsausbruch nach Österreich, wo sie im Jahr 1945 ihr Debüt an der Grazer Oper feierte. Von 1971 bis 1989 hatte sie eine Professur für Liedinterpretation an der damaligen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz inne. „Die persönliche Bekanntschaft“ so Fürstner weiter, „dürften Witoszynskyj und Malaniuk in Graz gemacht haben. Witoszynskyj hatte sich immer mit seinen eigenen Wurzeln beschäftigt, welche sich in Lemberg befanden. Die Tatsache, dass Malaniuk an jenem Ort gelebt hatte, gemeinsam mit ihren hohen musikalischen Qualitäten, konnte das Interesse einer Zusammenarbeit bei Witoszynskyj begründen. Erste Hinweise auf einen gemeinsamen Auftritt liefert eine Einladung des Ehepaars Witoszynskyj, die zu einem Hauskonzert am 11. Dezember 1975 lud. Am 14. Mai des Jahres 1976 gaben Malaniuk und Witoszynskyj ihr einziges öffentliches Konzert im Festsaal des Amtshauses des 3. Wiener Gemeindebezirks.“ Bei diesem Anlass wurden neben Liedern Franz Schuberts und des spanischen Komponisten Miguel de Fuenllana auch ukrainische Volkslieder aufgeführt, deren Begleitung Witoszynskyj selbst verfasst hat.

Bei der zweiten Aufnahme handelt es sich um einen Mitschnitt der „Stücke für Gitarre“ (1973) von Erich Marckhl, aufgenommen am 27. November 1980 im Grazer Kammersaal bei der Gedenkfeier für den im Juli verstorbenen Erich Marckhl. An der Gitarre: Leo Witoszynskyj.

Tonbeispiel: aus „Stück für Gitarre“ (1973)

Mit einem Konzert im Vortagssaal der Akademie am 22. Jänner 1965 feierte Leo Witoszynskyj sein Debüt in Graz.

Sein erstes Konzert in England spielte Leo Witoszynskyj am 12. Dezember 1968 im Purcell Room in London. Auf dem Programm standen Werke von de Milan, Narvaez, Mudarra, Roncalli, Sanz, Ponce, Bach, Falla, Leukauf, Villa-Lobos und Turina.

Um in Nord- und Südamerika Konzerte zu geben, überquerte Leo Witoszynskyj im Herbst 1974 erstmals den Atlantik. Ein Konzert in Caracas, welches er gemeinsam mit der aus Venezuela stammenden Pianistin Rosario Marciano gab, wurde vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen. In den kommenden Jahren konzertierte Witoszynskyj immer wieder mit der Pianistin. In Österreich spielten sie in der Steiermark, in Wien und dem Burgenland. Aber auch in Deutschland und Italien gaben sie Konzerte. Zusammen griffen Leo Witoszynskyj und Rosario Marciano die Idee der Wiederbelebung der „Dukaten-Konzerte“ auf, welche um 1820 sonntäglich von der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien veranstaltet wurden und für einen Eintrittspreis von einem Dukaten besucht werden konnten.

Mit dem Flötisten Gottfried Hechtl verband Leo Witoszynskyj eine langjährige musikalische Partnerschaft und private Freundschaft. Das erste Konzert des Duos Hechtl/Witoszynskyj fand im November 1978 im Schloss Schielleiten statt. Bei einem Konzert im steirischen Admont am 20. Juli 1980 wurden die „Differenzen für Flöte und Gitarre“ uraufgeführt, ein Werk des Komponisten Gösta Neuwirth, der in den 70er und 80er Jahren an der damaligen Hochschule für Musik und darstellende Kunst lehrte. Die Komposition war auch Teil des Programmes beim Konzert im Mausoleum in Graz am 1. September 1982. Außer Nord- und Südamerika hat das erfolgreiche Duo alle Kontinente bereist.

 

Eine Tournee im Herbst 1990 führte Leo Witoszynskyj erstmals in die Ukraine, dem Geburtsland seiner Eltern, wo er gemeinsam mit dem „Gal-Tamp“ Kammerorchester vier Konzerte in Lemberg spielte. Im folgenden Jahr unternahm das Orchester eine Konzertreise nach Österreich, wo es in Graz, Wien und Perchtoldsdorf konzertierte.

 

Auf einer Tournee mit dem Lemberger Kammerorchester lernte Leo Witoszynskyj den ukrainischen Geiger Ostap Shutko kennen, mit dem er später einige Jahre regelmäßig im Duo auftrat. 2004, dem aktivsten Jahr ihrer Zusammenarbeit, gastierte das Ensemble in Kroatien, Tschechien und der Ukraine. Drei Monate vor Witoszynskyjs Tod hätte das Duo beim Balaton Festival in Vrsar auftreten sollen. Da Ostap Shutko seine Einreisegenehmigung jedoch zu spät erhielt, musste den Geigenpart ein anderer Musiker übernehmen.

 

Im Sommer 2010 hat Andreas Fürstner, ein ehemaliger Schüler Leo Witoszynskyjs, seine Diplomarbeit mit dem Titel „Leo Witoszynskyj. Ein Leben für die Musik“ im KUG-Archiv geschrieben. Quelle der Forschungsarbeit war der Nachlass Witoszynskyj. Die Arbeit soll dem Leser einen Einblick in die künstlerische Tätigkeit Witoszynskyjs vermitteln. Jedoch gäbe es noch viele Bereiche im Leben des Gitarristen, welche erforscht werden sollten. Vor allem sein Wirken an der KUG, das ihm mindestens so wichtig wie seine Karriere als Konzertgitarrist war, stellt ein umfangreiches thematisches Feld dar. „Ich habe die Hoffnung“, so Andreas Fürstner in seiner Schlussbetrachtung, „dass diese Arbeit nur den Anfang einer intensiven weiteren Auseinandersetzung mit dem Musiker, Pädagogen, Wissenschaftler und Menschen Leo Witoszynskyj darstellt, einer Persönlichkeit, welche nicht nur die Gitarristik, sondern auch das allgemeine Musikleben in Österreich durch ihr Wirken geprägt hat.“