Die Vereinsmusikschule des Musikverein für Steiermark 1816 - 1945

Die folgenden Ausführungen beruhen größtenteils auf: Ferdinand Bischoff, Chronik des Steiermärkischen Musikvereines. Festschrift zur Feier des fünfundsiebzigjährigen Bestandes des Vereines, Graz 1890.

Gründungsphase

Die Geschichte der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz geht auf die vom Steiermärkischen Musikverein 1816 gegründete Vereinsmusikschule zurück.

Dem volksbildnerischen Gedanken der Zeit entsprechend besteht schon in der Gründungsphase des Musikvereins für Steiermark die Idee, nicht nur Konzerte und Übungsstunden, sondern in erster Linie auch Musikunterricht zu veranstalten.[1] So wird 1816 dieses Vorhaben zur Förderung des Kunstsinnes durch musikalische Bildung erstmals in den Vereinsstatuten festgehalten, in denen sich Richtlinien für die Durchführung von Schulen (Ausbildungsklassen) finden. Gesangsunterricht, der bereits ab 1816 stattfand, sowie Unterricht auf Blasinstrumenten für vier bis sechs talentierte Jungen wurde angedacht. [2] Im Wintersemester 1818/1819, als die Einnahmen des Vereines es erlaubten, wurden Ausbildungsklassen für Blasinstrumente eingerichtet und die Schüler konnten unentgeltlich Flöten-, Oboen-, Fagott-, Horn- und Trompetenunterricht erhalten.[3]

In einem Bericht des Musikdirektors Haag wird die genaue Beschaffenheit der Schulen dieser Zeit dargelegt: So wurden in den Singschulen für Sopran und Alt pro Jahrgang (es gab zwei Jahrgänge) und Abteilung 12 Schüler unterrichtet, in den Männergesangsschulen für Tenor und Bass je acht Schüler. Die Schule für Blasinstrumente umfasste pro Instrument sechs Schüler für Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott, je vier für Trompete und Horn und zwei Schüler für Posaune. Eine neue Schule für das Kontrabassspiel sollte mit sechs Schülern eingerichtet werden. Kontrabass konnte man ein Jahr lang, die restlichen Instrumente zwei Jahre lang erlernen und sich danach anderweitig selbst weiterbilden. Jahresabschlussprüfungen entschieden über das Fortkommen der Schüler. Weiters schlug der Musikdirektor vor, dass Schüler, die sich nach deren Ausbildung nicht drei Jahre lang in den Dienst des Musikvereines stellen die Ausbildungskosten ersetzen müssen. [4]

Aufgrund der guten finanziellen Lage konnten 1820 zusätzlich eine Violin- und eine Celloklasse eingerichtet werden. Die Gesamtschülerzahl betrug zu der Zeit 114.

1821 war die Schüleranzahl der Gesangsklassen im Verhältnis zur Stundenanzahl so groß, dass nur noch wenige talentierte Schüler aufgenommen werden konnten, zudem wurde ein zweimonatiger Vorbereitungslehrgang eingeführt. Eine neue Zusammenarbeit mit der Kirchenmusik verhalf den besten Gesangsschülern zu Engagements in der Grazer Hof- und Domkirchen, für die sie kleine Gagen erhielten.[5] Um die Ausbildungsklassen besser finanzieren zu können, fanden ab 1821 auch Konzerte statt, deren Einnahmen der Vereinsschule zu Gunsten kamen.[6]

In den nächsten Jahren wurden die Auswahlverfahren für die Schüler erschwert und der Unterricht wurde regelmäßig von Ausschussmitgliedern des Vereines überwacht, um bessere Kontrolle über die Ausbildungsklassen zu haben.[7] Des Weiteren wurde beschlossen, eine Mädchengesangsschule und eine Generalbassschule einzurichten.[8] Ende des Jahres 1824 hatte sich die Schülerzahl auf 167 erweitert, 12 davon erhielten Gitarrenunterricht, der im selben Jahr neu eingeführt wurde.[9]


Organisatorische Neuerungen

Die Organisation der Vereinsmusikschulen entwickelte sich stetig weiter, so gab es auch in den folgenden Jahren bedeutende Neuerungen. Dazu zählen ein verbesserter Elementarunterricht sowie die Erweiterung der Schulzeit auf drei Jahre. Unter anderem wurde die Celloschule aufgelassen. [10] In einer neuen Version der Satzungen wurde 1829 ein Probemonat für alle Anfänger sowie die Übergabe der Aufsicht über die Vereinsschulen an einen „Censor“, der monatliche Berichte abgeben sollte, bestimmt. [11]

1830 folgte die Einrichtung der längst geplanten Schule für Generalbass und Choralgesang in bis zu dreijährigen Kursen. Das Unterrichtsangebot wurde zusätzlich um „Unterricht in den Anfangsgründen der Musik“ und die „Musikzeichenlehre“ erweitert. Die Anzahl der Schüler betrug nur noch 75, was vermutlich teilweise daran lag, dass nur noch wenige bedürftige Schüler unentgeltlichen Unterricht erhielten und im Laufe des Bestehens der Schulen die Aufnahme grundsätzlich erschwert wurde.[12]

Schlechte Verhältnisse des Grazer Konzertlebens und der Finanzen des Musikvereines in den 1830er führten auch zu Veränderungen in den Vereinsschulen. Gehälter wurden vermindert und Lehrer mussten die Schulen verlassen, weiters wurde die Generalbassschule und später auch die Blasinstrumentenschulen geschlossen. 1835 gab es also nur noch diverse Gesangsschulen und eine Violinschule.[13]

Erst in den 1840ern erholte sich der Verein finanziell. Die Schülerzahlen konnten wieder gesteigert werden (85 Schülerinnen und 130 Schüler) [14], die Blasinstrumentenschule [15] wurde wieder eingerichtet sowie auch Schulen für Kontrabass und Cello [16].


Vereinsschulen im Wachstum

Der Schülerandrang nahm in den folgenden Jahren dermaßen zu, dass in der Schulordnung 1862 erstmals Höchstzahlen festgelegt werden mussten. Als Ziel der Schulen wurde die „Heranbildung tüchtiger Instrumentalisten und Sänger und die Unterweisung in den dem gebildeten Musiker unerlässlichen theoretischen Fachkenntnissen“ festgelegt, die Schulzeit sollte nun sechs Jahre dauern, und eine vierwöchige Probezeit musste von jedem Schüler absolviert werden. Des Weiteren wurde in der Schulordnung eine unentgeltliche Mitwirkung an Proben und Konzerten des Vereines nach der Ausbildung bestimmt. Um die eine höhere Schulstufe und die damit verbundene Klavierlehre belegen zu können waren Kenntnisse im Klavierspielen Voraussetzung. Die Leitung der Vereinsschulen oblag dem „artistischen Director“, der selbst der Leitung der Direktion unterstand.[17]

Eine weitere bedeutende Neuerung der 1860er stellt das nun offiziell eingeführte Schulgeld dar, von dem bedürftige Schüler, wenn notwendig, befreit werden konnten. [18]

Von Beginn an nahm der Gesangsunterricht eine besondere Stellung innerhalb der Vereinsschulen ein, besonders jedoch in den 1880er Jahren als Friedrich von Hausegger das Amt des Schulreferenten übernahm. Unter seinem Einfluss wurde eine Chorgesangsklasse eingerichtet, deren Besuch Bedingung für die Aufnahme in alle weiteren Klassen war. Gesang wurde als Grundlage für die weitere Ausbildung und als wertvolles Mittel zum Erlernen musikalischer Ausdrucksmittel gesehen.[19] Auch regte Hausegger die Einrichtung einer ersten Klavierklasse an.[20]

1889/90 zog der Musikverein in ein eigens für diesen Zweck von der Sparkasse angekauftes Haus, das kostengünstig angemietet werden konnte.[21]


Ende der Vereinsschulen und Verstaatlichung

Das beginnende 20. Jahrhundert brachte wohl die größten Veränderungen für die Vereinsschulen mit sich: So wurde 1920 das Führen des Konservatoriumstitels gestattet. [22] In Folge dessen erhielt das Konservatorium 1934 das Öffentlichkeitsrecht und somit die Berechtigung, staatlich anerkannte Prüfungen abzunehmen.[23] Die schwierige finanzielle Situation der Zwischenkriegszeit, in der zusätzlich Subventionen vom Land Steiermark eingestellt wurden, zwang den Musikverein zum Verkauf der sogenannten „Kaisersammlung“ (Musikaliensammlung von Kaiser Franz II) an die Nationalbibliothek, um das Konservatorium erhalten zu können.[24] Mit 1. April 1939 wurde das Konservatorium verstaatlicht, vom Musikverein abgetrennt und in den Aufbauplan des Steirischen Musikschulwerkes einbezogen. Es existierte 5 Jahre lang in dieser Form bevor es nach 1945 einer völligen Neuorientierung unterzogen wurde.[25]



[1] Harald Kaufmann, Eine bürgerliche Musikgesellschaft. 150 Jahre Musikverein für Steiermark, Graz 1965, S. 27.

[2] Ferdinand Bischoff, Chronik des Steiermärkischen Musikvereines. Festschrift zur Feier des fünfundsiebzigjährigen Bestandes des Vereines, Graz 1890, S. 19-21.

[3] ebenda S. 27.

[4] ebenda S. 32,33.

[5] ebenda S. 47, 48.

[6] ebenda S. 54.

[7] ebenda S. 63.

[8] ebenda S. 64.

[9] ebenda S. 75.

[10] Ferdinand Bischoff, Chronik des Steiermärkischen Musikvereines. Festschrift zur Feier des fünfundsiebzigjährigen Bestandes des Vereines, Graz 1890, S. 79, 80.

[11] ebenda S. 89.

[12] ebenda S. 90.

[13] ebenda S. 100.

[14] ebenda S. 117.

[15] ebenda S. 109.

[16] ebenda S. 118.

[17] ebenda S. 150, 151.

[18] ebenda S. 160.

[19] Harald Kaufmann, Eine bürgerliche Musikgesellschaft. 150 Jahre Musikverein für Steiermark, Graz 1965, S. 40, 41.

[20] ebenda S. 42.

[21] Ferdinand Bischoff, Chronik des Steiermärkischen Musikvereines. Festschrift zur Feier des fünfundsiebzigjährigen Bestandes des Vereines, Graz 1890, S. 208.

[22] ebenda S. 104.

[23] ebenda S. 100.

[24] ebenda S. 106.

[25] ebenda S. 113.

© Universitätsarchiv der Kunstuniversität Graz, Julia Fuchs, 2015