Diskussion: Die Musikausbildung in der Steiermark nach 1945: Ein Forschungsüberblick zu Begriffsproblematik, Institutionsgeschichte und Fachdidaktik

Susanne Kogler: "Zuerst vielen Dank für diesen reichhaltigen Überblick. Sie haben ja einerseits die Literatur ausgewertet, andererseits darüber hinaus  zusätzlich die Zeitschrift „Musikerziehung“ der Arbeitsgemeinschaft der Musikerzieher Österreichs auszuwerten begonnen und damit den Forschungsüberblick auch ergänzt. Haben Sie dabei bemerkt, ob es hier Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland gab und gibt, was die Debatten um Musikerziehung  - den Terminus, aber auch die Inhalte - betrifft? In der Sekundärliteratur wird ja auch auf  Deutschland Bezug genommen, wogegen die Zeitschrift vor allem Österreich fokussiert, wenn ich mich nicht irre. Auch wäre interessant, wie die Entwicklungen im Laufe der Zeit anhand der Zeitschrift  - wiederum betreffend Diskussionen um Inhalte und Fachbezeichnung sowie Ausbildungsstandards etc.  - sich darstellen. Können Sie hierzu schon etwas sagen?"

Juliane Oberegger: "Der größte Unterschied ist wohl, dass es in Österreich nicht wirklich einschlägige Fachliteratur zu der Thematik gibt, wie es zum Beispiel in Deutschland die Publikation von Abel-Struth gibt. Die österreichische Literatur besteht mehr aus einzelnen Artikeln in Tagungsbänden, Sammelbänden oder Festschriften, die sich zum Teil eben auch auf Literatur aus Deutschland bezieht. Am besten kann man die Entwicklungen in Österreich tatsächlich in der Zeitschrift nachverfolgen, wobei hier eben nicht nur Autoren mit wissenschaftlicher Qualifikation, wie wir sie heute verstehen, publiziert wurden – was aber natürlich nicht heißt, dass man von der Lektüre dieser Texte weniger profitiert. Die Musikerziehung hat aber auch nie vorgegeben, eine wissenschaftliche Zeitschrift zu sein sondern sich von Anfang an ganz klar als fachdidaktisches Medium präsentiert."

Julia Mair: "Was könnten die Gründe dafür sein, dass sich der Terminus „Musikerziehung“ bis heute relativ hartnäckig hält?"

Juliane Oberegger: "Ich denke, dass der Gedanke, dass Musik als Mittel der Erziehung eingesetzt wird, in unserem Alltag relativ fest verankert ist, er ist ja auch Kern einiger fachdidaktischen Konzepte (als Beispiel sei hier die Muttersprachenmethode von Shinichi Suzuki genannt) und vieler Assoziationen, die man im Alltag mit Musik und Kindern verbindet. Demnach ist es schwierig, einen so „eingefahrenen“ Begriff allein durch eine doch eher kleinere Spate der Wissenschaft grundlegend zu ändern. Helfen würde aber bestimmt eine genauere Auseinandersetzung mit dem Begriff und den Hintergründen zum Beispiel in Fachdidaktiklehrveranstaltungen und bei Fortbildungen. Denn im Endeffekt sollte Musikunterricht nicht Erziehen, sondern Befähigen und unterscheidet sich in diesem Aspekt auch nicht von anderen Gegenständen."

Johanna Trummer: "Warum, glaubst du, hat es nach dem zweiten Weltkrieg bis nach 1960 gedauert, bis die Verwendung des Begriffs „Musikerziehung“ hinsichtlich der Assoziation mit der NS-Zeit hinterfragt wurde? Und warum schien/scheint sich die Diskussion um die Terminologie rund um „Musikpädagogik“ auch danach noch zu halten? Hatten diese Überlegungen auch praktische Auswirkungen / sind sie mit Veränderungen in der Praxis einhergegangen?

Inwiefern führten die politischen Umstände in der NS-Zeit (durch Hitlerjugend und Jugendmusikbewegung) dazu, dass Lehrpersonen weniger musikalisch fähig sein mussten (S. 6)? Meinst du damit, dass musikalische Bildung ausgelagert wurde? Wer waren die dortigen ausbildenden Personen? Gab es Vernetzungen mit dem restlichen Bildungssystem?

Welche Veränderungen brachte die Vereinswerdung der AGMÖ 1964? Ist eine Stärkung ihrer Handlungsfähigkeit (in politischen Fragen, oder als zentrale verbindende Organisation für Lehrende) erkennbar?"

Juliane Oberegger: "Ganz grundlegend gab es direkt nach Kriegsende im Bildungswesen vermutlich andere drängendere Debatten, die es zu führen galt. Die Neuorganisation des Schulsystems und der Lehrermangel haben bestimmt mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als ein Begriff, der ja schon vor dem Krieg Teil des Sprachgebrauchs war. Ich glaube auch, dass sich die Diskussion eben deswegen so lange gehalten hat und eigentlich bis heute nicht ganz stillgelegt wurde: Der Begriff ist nun einmal negativ behaftet und Musik hat die besondere Fähigkeit, Menschen zu verbinden. Eine Fähigkeit, die all zu oft missbraucht wird.

Genau, musikalische Betätigung wurde ausgelagert, einerseits um besser kontrollieren zu können, wer diese Bildung erhält. Andererseits aber auch, um definitiv bestimmen zu können, welche Inhalte vermittelt und gesungen werden. Das ist eben über eine schulexterne Organisation wie die Hitlerjugend leichter, als hinter verschlossenen Schultüren durch Lehrpersonen, deren politische Orientierung nicht restlos geklärt war. Meines Wissens nach wurden die Leiter dieser Gruppen extra ausgebildet und auch die Lieder waren einheitlich, sodass bei einem Aufeinandertreffen dadurch sofort eine Verbindung aufgebaut werden kann. Der Unterricht war von der Schule getrennt, stand aber hierarchisch über ihr.

Die Frage der Vereinswerdung kam vor allem durch den etwas nachlassenden Zusammenhalt innerhalb der Arbeitsgemeinschaft auf, es gab aber auch finanzielle Beweggründe, die durch eine Neubesetzung des Direktors des ÖBV zustande kamen. Der Arbeitswille scheint etwas gewichen zu sein und Marckhl schreibt in einem Brief an Ludwig Daxberger im Jahr 1962 darüber: „In den letzten Jahren haben die Kontakte innerhalb der Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Musikerzieher immer mehr nachgelassen. Wenngleich es möglich war, durch die AGMÖ bis in die letzten Monate auf verschiedenen Gebieten des Musiklebens und der Musikerziehung konstruktive und positive Einflüsse zu nehmen […], so kann doch nicht die Frage gestellt werden, daß die derzeitige Form der Arbeitsgemeinschaft den tatsächlichen gegebenen Verhältnissen in keiner Weise mehr entspricht.“ Es ging also anscheinend vor Allem darum, weiterhin die Arbeit zu leisten, für die die Arbeitsgemeinschaft gegründet wurde und das sollte eben durch die Vereinswerdung, die die Zusammenarbeit doch um eine Spur offizieller und angesehener macht, gesichert werden. Zusätzlich erleichtert es auch den Umgang mit und die Akzeptanz durch die Behörden in offiziellen Angelegenheiten. Der Vorschlag zur Vereinswerdung von Marckhl wurde im Oktober 1962 bei der AGMÖ_Vollversammlung auch einstimmig bestätigt."