Kulturpolitik und Heimatbegriff

Marckhl äußerte sich vielfach zu diesem Thema, u.a. in einem Vortrag aus dem Jahr 1969: „Der Bewußtmachung der landschaftlichen Gebundenheit etwa in der europäischen Romantik folgt die Reaktion des Ausbrechens aus dem Landschaftlichen und seine Entwertung als Grundlage schöpferischer Emanationen zu Gunsten des technisch Konstruktiven im musikalischen – auch sonst künstlerischen – Gestaltungsvorgang, der Wille zur Beendigung der Traditionen und zur Überwindung der Folkloren: Das geht heute in vielen Landschaften der Welt, ja in den Gesamträumen großer Kulturen, mit ganz gleicher intellektueller Anforderung vor sich.“ [1]

Marckhl reiht sich hier in die Diskussionen zu Kulturpolitik und Heimatbegriff ein, die aus zeitgeschichtlicher Perspektive bereits kritisch analysiert wurden. [2] Auch der österreichische Professor für Musikgeschichte Robert Lach setzte die Faktoren Musik, Landschaft und Volk miteinander in Verbindung.[3] Die „politische Kultur“ der Nachkriegszeit war im Rahmen einer „Geschichte der Steiermark“ Thema. So war „System- und Prozessvertrauen“ für die Zeit des Wiederaufbaus in den 1950er Jahren charakteristisch. [4] Auch Beziehungen zur Vergangenheit und Kontinuitäten wurden angesprochen, wie etwa die von Franz Maria Kapfhammer organisierte „Kulturarbeit in lokalen Arbeitskreisen“, die „noch in vielen Punkten der Struktur der nationalsozialistischen Volkstumspflege“ entsprach. [5] Auch die traditionelle Dorfkultur und der neue Stellenwert der modernen Massenkultur waren Gegenstand politischer Überlegungen,[6] die zu einer „Uminterpretation der zeitgemäßen Kulturformen“ in den 1960er Jahren führten. Diese ist für die Literaturszene bereits gut dokumentiert. Für die Musik hat Michael Walter gezeigt, wie Überlegungen zu Massenwirksamkeit und Volksnähe die nationalsozialistische Opernästhetik prägten.[7]

Wie wichtig die Erforschung musikpädagogischer Bildungsziele ist, zeigen Arbeiten zur NS- Kulturpolitik. Deren ideelle Hintergründe erforschte Anne C. Nagel. [8] Die Bedeutung der Musik als identitätsstiftendes Moment in der österreichischen Selbstdarstellung hat Lynn Heller unterstrichen.[9] Auch bei Kurt Drexel kommen Hinweise zu von den Nationalsozialisten privilegierten Inhalten zur Sprache - darunter das Thema „Volkstum und Heimat“[10]. Marckhl behandelt das Thema in vielen seiner Aufsätze und Reden zur Kulturpolitik.[11]

 


[1] Erich Marckhl, Landschaften im Musikleben. Vortrag am 5.7.1969 in Oberschützen, in: Musik und Gegenwart III, Graz 1975, S. 23.
[2] Siehe dazu auch Dieter A. Binder, Die Epoche der Epochenverschlepper, in: NS-Herrschaft in der Steiermark. Positionen und Diskurse, hg. u.a. von Heimo Halbrainer, Wien u.a. 2012, S. 480.
[3] Vgl. Rudolf Flotzinger, […] nicht nur die für dieses Spezialgebiet interessierten Studierenden zu betreuen, in: Musikforschung,Faschismus, Nationalsozialismus, Referate der Tagung Schloss Engers (8—11. März 2000), hg. von Isolde v. Foerster, Christoph Hustund Christoph-Hellmut Mahling, Mainz 2001, S. 100.
[4] Vgl. Alfred Ableitinger, Politische Kultur, in: Vom Bundesland zur europäischen Region. Die Steiermark von 1945 bis heute, hg. von Joseph Desput, Graz 2004, S. 212.
[5] Vgl. Johann Verhovsek,…da steirische Brauch‘. Volkskultur-Kultur des Volkes?, in: Vom Bundesland zur europäischen Region. Die Steiermark von 1945 bis heute, hg. von Joseph Desput, Graz 2004, S. 390.
[6] Ebd., S. 399.
[7] Michael Walter, Hitler in der Oper. Deutsches Musikleben 1919-1945, Stuttgart-Weimar 1995, S. 241.
[8] Anne C. Nagel, Hitlers Bildungsreformer. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung1934-1945, Frankfurt am Main 2012, passim.
[9] Lynne Heller, "Die Staatsakademie bzw. Reichshochschule für Musik in Wien 1938 – 1945", S. 14f. 
[1] Vgl. Kurt Drexel, Musikwissenschaft und NS-Ideologie. Dargestellt am Beispiel der Universität Innsbruck von 1938-1945, Innsbruck 1994.
[11] Siehe dazu auch den digitalisierten Teilnachlass im online-Findbuch des Universitätsarchivs der Grazer Kunstuniversität unter www.uakug.findbuch.net/php/main.php.