Neue Musik

In vielen Vorträgen äußerte sich Marckhl zu diesem Thema, wie zum Beispiel im Jahr 1966: „Was ist also eigentlich moderne Musik? Wer diese Frage stellt, sieht sich einer derartigen Vielheit und Verschiedenheit  langlicher Ereignisse gegenüber, daß nur Unsicherheit die erste Folge sein kann und er sichziemlich bestürzt auf das charakterisierende Eigenschaftswort ‚modern‘ in seiner Frage zurückzuziehen versucht, um da erst  recht zu erkennen, daß er hier an eine recht unsichtige und fragwürdige Fundierung gerät: Denn ‚modern‘ bedeutet an sich keine Wertsetzung, nicht einmal eine Gestaltcharakteristik, sondern höchstens eine Position.“[1]

Marckhls Überlegungen werden analysiert und kontextualisiert. Dabei kann bereits auf Forschungen zurückgegriffen werden. Christian Glanz hat die Musikkultur in der Steiermark der Nachkriegszeit beleuchtet: Sie wurde einerseits durch die konservative Position des Tonkünstlerbundes geprägt, wobei Glanz auf personelle Kontinuitäten im Musikleben hinweist, die vor allem Lehrende und Studierende der Reichshochschule Eggenberg betrafen.[2] Andererseits wurde in der Steiermark ähnlich wie in Deutschland der Nachholbedarf betont, der aus der eingeschränkten kulturellen Ideologie der nationalsozialistischen Zeit resultierte und progressive Musiktendenzen ausschloss. So wurde der steirische herbst als „Plattform der Auseinandersetzung mit Tendenzen, die im österreichischen Musikleben wesentlich mitbedingt durch die nationalsozialistische Musikpolitik unterdrückt worden waren“ konzipiert.[3] Im von Hanns Koren initiierten Gründungskomitee firmierte neben dem Generalsekretär des Musikvereins Reinhold Portisch auch Erich Marckhl. Auch Michael Nemeth wies hinsichtlich der Entwicklung der Nachkriegszeit auf die Bedeutung Marckhls hin, der sich in seiner Funktion als Landesmusikdirektor seit 1953 und Direktor des Landeskonservatoriums vorgenommen hatte, „den Anschluss an das kompositorische Zeitgeschehen wiederherzustellen“, was mit den Bestrebungen im Musikverein in Einklang stand.[4] Auch Steinberger wies auf Differenzen der Ausrichtung des Tonkünstlerbundes und des von Marckhl gegründeten „Studios für Probleme zeitlich naher Musik“ hin.[5]

Stefan Kloiber, der Tendenzen der zeitgenössischen Musik sowohl in der NS-Zeit als auch Entwicklungen nach 1945 untersucht, hebt die Bedeutung Erich Marckhls als Landesmusikdirektor und Leiter des „Studios für Probleme zeitlich naher Musik“ hervor, das gemeinsam mit dem Musikverein organisiert wurde und bei dem unter anderem die Wiener Schule Gegenstand von Konzerten und Vorträgen war. Auch Pierre Boulez war in diesem Rahmen zu Gast in Graz.[6] Nicht beachtet blieb bislang, dass Marckhl an der Abteilung für Musikerziehung der Wiener Reichshochschule in den 1940er Jahren ebenfalls eine „Arbeitsgemeinschaft für Fragen zeitgenössischer Musik“ eingerichtet hatte. Jasmin Linzer behandelte ästhetische Anschauungen Marckhls im Kontext der NS-Kulturpolitik.[7] Die inhaltlichen Parallelen zu Marckhls späteren erfolgreichen Bemühungen um die Etablierung der Musikausbildung in Graz, wo er sich – zuerst am Landeskonservatorium, dann an der Akademie – auch im Besonderen für die zeitgenössische Musik einsetzte, sind noch aufzuarbeiten.

Die Haltung der Nachkriegszeit war geprägt von „Menschen, die kein Opferprofil aufwiesen, die sich mit dem NS-Regime in unterschiedlicher Weise arrangierten und die das Jahr 1945 als ‚Stunde Null‘ verstanden; den Krieg und seine verheerenden Folgen sahen sie als eine Art Purgatorium, das der Generalbeichte vorausgegangen war. Nunmehr forderten sie das verzeihende Schweigen, um die ‚Gräben‘ zuzuschütten.“[8] Die damit konvergierende Rede von der „Stunde Null“ ist Angelpunkt der Verbindung von kulturpolitischen und musikästhetischen Positionierungen.[9] Ihre Bedeutung für die Ästhetik und Historiographie der neuen Musik wurde bisher allerdings erst in Ansätzen vor diesem Hintergrund untersucht. Zumeist wurden die Frage der Entnazifizierung und der Umgang mit der Schuldfrage behandelt.[10]


[1] Erich Marckhl, Musikalische Moderne und Kirchenmusik, Vortrag vom 27. Juli 1966, in: Musik und Gegenwart II, Graz 1975, S. 110.
[2] Christian Glanz, Steirer können mehr als jodeln. Musikkultur eines Landes, in: Vom Bundesland zur europäischen Region. Die Steiermark von 1945 bis heute, hg. von Joseph Desput, Graz 2004, S. 463.
[3] Vgl. Ebd., S. 468.
[4] Michael Nemeth, Wende und Aufbruch, in: Im Jahrestakt, 200 Jahre Musikverein für Steiermark, hg. von Michael Nemeth, Wien u.a. 2015, S. 152.
[5] Da das von Marckhl i nitiierte Studio vor allem dazu diente, „in der Steiermark den Kontakt mit dem kompositorischen Zeitgeschehen wiederherzustellen, […] war das Studio jedoch keine Förderinstitution für heimische
Komponisten“. Clivia Steinberger, Der Steirische Tonkünstlerbund, Diss.masch., Graz 2003, S. 31.
[6] Stefan Kloiber, Überlegungen zur Neuen Musik, in: Im Jahrestakt. 200 Jahre Musikverein für Steiermark, hg. von Michael Nemeth, Wien u.a. 2015, S. 159.
[7] Vgl. Kloiber, S. 160. Aus Sicht Kloibers ist es „das große Verdienst dieser Einrichtung, dass hierin nicht etwa versucht wurde, eine gewisse Schule der Neuen Musik zu fördern, sondern ihr in ihrer Gesamtheit ein Forum geboten wurde“. Kloiber, S.160. In diesem Sinne sieht Kloiber das Engagement des Studios bis heute als modellbildend an: „[…] indem man auch Neuer Musik einen gleichberechtigten Platz einräumt, ermöglicht man die Erweiterung persönlicher künstlerischer Erfahrungshorizonte und, wie dies im Studio für Probleme zeitlich naher Musik geschah, durch Einbeziehung einleitender Vorträge wird eine Lösung jener Probleme als Ziel gesetzt und nicht eine Umgehung von Problemen.“ Kloiber S. 162.
[8] Dieter A. Binder, Die Epoche der Epochenverschlepper, in: NS-Herrschaft in der Steiermark. Positionen und Diskurse, hg. u.a. von Heimo Halbrainer, Wien u.a. 2012, S. 473.
[9] Siehe dazu auch Albrecht Riethmüller, "Die Stunde Null‘ als musikgeschichtliche Größe“, in: Geschichte der Musik im 20. Jahrhundert 1925-1945, hg. von Albrecht Riethmüller, Laaber 2006.
[10] Vgl. u.a. David Monod, „Verklärte Nacht“. Denazifying Musicians under American Control, in: Deutsche Leitkultur Musik? Zur Musikgeschichte nach dem Holocaust, hg. von Albrecht Riethmüller, Stuttgart 2006, und Michael H. Kater, Die mißbrauchte Muse. Musiker im Dritten Reich, Europa-Verlag, München 1998, S. 310f.